Der Koffer – Robin Roe

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Königskinder Verlag | Gebundene Ausgabe | ca. 416 Seiten | 19,99 Euro | März 2017 | Originaltitel: A List of Cages | Übersetzer: Sonja Finck | ISBN: 978-3551560292

Inhalt

(lt. amazon.de):

»Wie viele Sterne?«, hat Julians Vater immer gefragt, wenn er ihn abends ins Bett brachte. Zehntausend-Sterne-Tage waren die besten überhaupt. Doch Julians Eltern sind tot. Seit er bei seinem Onkel wohnt, ist ihm ist nichts geblieben als Geheimnisse und ein Koffer voller Erinnerungen. Als Julian seinem Pflegebruder Adam wiederbegegnet, ist er zunächst voller Glück. Adam, der so nett ist und so tollpatschig und trotzdem zu den Coolen gehört. Doch es ist schwierig Vertrauen zu fassen. Und je mehr Vertrauen Julian fasst, desto mehr kommt Adam hinter seine Geheimnisse. Das bringt sie beide in große Gefahr.

 

Gewähltes Zitat

Als ich klein war, hatte ich immer tausend Gedanken im Kopf, weil ich wusste, dass Mom und Dad nach der Schule alles ganz genau hören wollten. Wenn man weiß, dass man anderen alles erzählen wird, sieht man den Tag nicht nur durch die eigenen Augen, sondern auch durch die Augen dieser Menschen. Es ist, als wären sie immer an deiner Seite.
Und wenn sie dann plötzlich nicht mehr da sind, ist man von heute auf blind. Denn wenn sie nichts mehr sehen, siehst du selbst auch nichts mehr.

(S. 118)

Meine Meinung

Julian war noch ein kleiner Junge, als seine Eltern verunglückten und er in eine Pflegefamilie kam. Langsam lernte er dort wieder zu lachen, doch bevor er sich gänzlich an seine neue Situation gewöhnen konnte, nahm ihn sein Onkel bei sich auf. Jahre später trifft sein damaliger Pflegebruder Adam wieder auf Julian. Julian ist immer noch kindlich und sehr zurückhaltend und naiv. Er freundet sich mit Julian an und hilft ihm, ein wenig ins Leben zu finden …

„Der Koffer“ von Robin Roe ist für mich der zweite Titel des aktuellen Königskinder-Programms, das unter dem Motto “Zweisamkeit” steht. Er wurde mir sehr empfohlen mit dem Hinweis, doch Taschentücher bereit liegen zu haben beim Lesen. Das machte mich natürlich sehr neugierig auf dieses Buch und so musste ich es auch ganz schnell zur Hand nehmen.

Tatsächlich ist „Der Koffer“ ein sehr intensives Buch gewesen. Sehr ruhig und sehr eindringlich. Für mich war es noch eindringlicher, weil die Hauptperson den selben Namen trägt, wie mein eigener Sohn, was mich teils wirklich fertig gemacht hat.

Die Handlung könnte man eigentlich in wenigen Worten zusammenfassen. Sehr actionreich ist dieses Buch also tatsächlich nicht, aber das hat es auch nicht nötig, Robin Roe überzeugt hier mit sanften und ruhigen Tönen und mit Figuren, die unter die Haut gehen.

Julian ist die Hauptfigur in diesem Buch. Um ihn dreht sich alles und aus seiner Sicht erleben wir auch den überwiegenden Teil der Handlung. Julian ist für sein Alter noch sehr kindlich und naiv. Er ist unglaublich unsicher und eher lebensfremd. Erst nach und nach erleben wir mit, dass es nicht nur daran liegt, dass Julian in jungen Jahren seine Eltern verloren hat, was für ein Kind schon sehr schlimm ist. Auch alles was er danach erleben musste trug dazu bei, dass Julian sich von der Realität draußen abschottet und nur die Welt wahr nimmt, die sein Onkel ihm nahe gebracht hat.

Durch unglaublich gefühlvolle Erinnerungen erleben wir mit, wie sehr Julian seine Eltern geliebt haben muss, wie sehr er sie vermisst und wie sehr er nun leidet. Dabei sind es nicht einmal wirklich besondere Erinnerungen, sondern ganz banale Dinge, die wohl jedes glückliche Kind tagtäglich erleben darf, wie von den Eltern ins Bett gebracht zu werden und die Wärme, Liebe und Geborgenheit zu spüren. Diese Gefühle transportiert diese Geschichte sehr extrem, leider ebenso wie die Abstinenz ebendieser. Diese Kälte würde wohl jeder Mensch erdrückend finden, nicht nur Julian.

Adam ist die zweite Hauptfigur der Geschichte. Er ist einst für kurze Zeit Julians Pflegebruder gewesen, bis Julian von seinem Onkel zu sich geholt wurde. Aus seiner Sicht erleben wir den anderen großen Teil der Handlung.
Adam ist ein außerordentlich fröhlicher und freier Junge, der zahlreiche Freunde hat, offen ist für alles und kaum je schlechte Laune hat. Dabei ist er immer freundlich und das trotz seiner ADHS. Einfach ein Kerl, der einem sofort sympathisch ist. So ist es auch nicht verwunderlich, dass er sich um Julian bemüht, als er schließlich wieder auf ihn trifft. Er versucht Julian aus seinem Schneckenhaus ins wahre Leben zu lotsen, nichtsahnend, was wirklich in seinem jüngeren Pflegebruder vorgeht. Mit der Zeit begreift Adam aber, dass bei Julian etwas gewaltig schief läuft und kommt langsam hinter das Geheimnis des Jungen, bis er vor mehreren schweren Entscheidungen steht.

Auch Adams innere Zerrissenheit ist sehr eindrücklich beschrieben. Ich habe nicht selten mit ihm mitgefühlt und mitgeweint, wenn er sich innerlich so zerrissen fühlte und nicht wusste, wie er sich nun richtig verhalten solle.

Es sind so viele Dinge, die eine Entscheidung zu einer richtigen oder einer falschen machen. In jungen Jahren kann man noch nicht alle Konsequenzen absehen. Und eigentlich können das selbst Erwachsene nicht. Es gibt immer Konsequenzen, die man gegeneinander aufwiegen sollte. Wie man diese gewichtet ist dann wohl das entscheidende. Auch dies hat dieses Buch gezeigt, denn hätte sich Adam in der ein oder anderen Situation anders entschieden, dann wäre allen vielleicht einiges erspart geblieben. Vielleicht aber auch nicht.

In diesem Buch wird sehr deutlich, wie wichtig alltägliche Dinge sind, die der Mehrheit selbstverständlich vorkommen. Glücklicherweise! Wenn wir alle um Ruhe, Geborgenheit und Liebe fürchten müssten, wäre die Menschheit wohl nie so weit gekommen.

Die Geschichte ist unheimlich berührend und ich hatte nicht selten Tränen in den Augen, weil ich so sehr mit den Figuren mitgelitten habe, dass es mir im Herzen weh tat. Dabei beschreibt Robin Roe hier gar keine detaillierten Schreckensszenen, sondern ganz subtil die Gefühlswelten eines verzweifelten, hoffnungslosen Menschen.

Fazit

Der Koffer von Robin Roe ist eines der eindrücklichsten Bücher, die ich je gelesen habe. Es rührt wirklich zu Tränen und brachte mich dazu einfach wegschauen zu wollen. An dieses Buch werde ich mich noch sehr, sehr lange zurück erinnern.

Meine Wertung

4 thoughts on “Der Koffer – Robin Roe

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  2. Hey,
    eine ganz tolle Rezension die wrichtig Lust macht, dieses Buch sofort zu lesen.
    Danke für den Tipp, ich setze es gleich auf die Wunschliste.
    Liebe Grüße
    Ela

    • Huhu Ela,

      danke, das freut mich natürlich 🙂
      Und ja, lies es! Es ist wirklich ein sehr beeindruckendes Buch 🙂

      Liebe Grüße
      Nicole

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