Überall bist du – Gerhild Stoltenberg

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Atlantik Verlag | Gebundene Ausgabe | ca. 272 Seiten | 20,00 Euro | April 2017 | ISBN: 978-3455600599

Inhalt

(lt. amazon.de):

Wenn Martha geahnt hätte, dass Tom vom einen auf den anderen Tag aus ihrem Leben verschwinden würde, hätte sie ihn nachts geweckt, statt ihn nur anzuschauen. Sie wäre mit Tom nur U-Bahn statt Fahrrad gefahren, dann gäbe es in der Stadt jetzt weniger Orte, die sie mit ihm verbindet. Und sie hätte versucht, viel weniger mit ihm zu erleben, damit die Liste der Dinge, die sie so sehr an ihn erinnern, jetzt nicht so lang ist. Zum Glück gibt es den fünfjährigen Oskar und seine Brüder, die ihr die unausgesprochenen Gesetze des Spielplatzes erklären und mit denen sie unbeschwerte Sommertage im Freibad verbringt. Doch wenn der Liebeskummer so schlimm wird, dass nicht mal Winnie Puuh-Pflaster helfen, weiß selbst der sehr weise Oskar nicht mehr weiter. Martha muss sich eingestehen, dass sie nicht die besten Ideen hat, um über Tom hinwegzukommen, und entscheidet kurzerhand, alles hinter sich zu lassen.

 

Gewähltes Zitat

Kinder zwingen einen zu Entscheidungen. Zum einen, weil sie es verlangen. Zum anderen aber auch, weil man plötzlich merkt, dass der Satz »Ach, die Zeit vergeht so schnell« wirklich stimmt, auf eine unerbittliche Die Zeit und alle Chancen darin vergehen so schnell-Art mit hundert Ausrufezeichen.

(S. 183)

Meine Meinung

Als Martha von Tom eine Entscheidung verlang, wie ihre Beziehung nun weiter laufen soll, verdrückt Tom sich ohne ein weiteres Wort aus Marthas Leben. Und hinterlässt damit in Martha einen Trümmerhaufen, denn alles um sie herum erinnert sie an Tom, alles steht und fällt mit ihm. Martha weiß fortan einfach nichts mehr mit sich anzufangen und kann auch ihre Arbeit nicht mehr weiter führen, igelt sich total ein. Bis sie sich eines Tages auf nach Belgrad macht, denn dort erinnert sie nichts mehr an Tom …

Dieses Buch hörte sich zunächst wirklich gut an und ich mochte es auch wirklich gerne lesen! „Überall bist du“ klang nach der Geschichte einer großen Liebe, aber erst nach und nach kam ich auf den Trichter, dass diese Liebe eigentlich nie eine war. Jedenfalls nicht in meinen Augen.

Das Buch beginnt in Belgrad, wo wir in diesem ersten Teil wie in einem Prolog von Marthas Leben und Gefühlen im Jetzt erfahren. Ihre Zerrissenheit hat mich ziemlich berührt, hier konnte die Autorin wirklich punkten, die Beschreibungen waren perfekt und ich konnte auf den wenigen Seiten bereits mit Martha mitleiden.

Dann folgt der längste der drei Teile, in denen das Buch gegliedert ist. Es beschäftigt sich mit allem, was sich vor Belgrad abgespielt hat und erzählt die Geschichte von Martha und Tom, der eigentlich gar nicht Tom heißt.
Mir kam die Beziehung der beiden von Anfang an sehr merkwürdig vor. Nach dem was ich so las, passten die beiden meiner Ansicht nach nie wirklich zueinander und ich konnte Marthas Vernarrtheit in Tom überhaupt nicht begreifen. Und somit schließlich auch ihren Kummer um Tom nicht mehr. Für mich war da keine Liebe im Spiel, keine Romantik, kein gegenseitiges Verständnis. Nichts.
Ich glaube auch nicht, dass es am eher kühlen Schreibstil von Gerhild Stoltenberg lag, denn Marthas Verzweiflung zu Beginn konnte sie ja schon transportieren. Nur alles weitere blieb mir einfach total unverständlich. Tom hat sich aufgeführt wie ein Egoist, hatte nie Verständnis oder Interesse für Martha. Warum also hat sie so ihr Herz an ihn verschenkt? Das bleibt mir auch nach Beendigung des Romans noch immer ein Rätsel.

Schön fand ich hingegen Marthas Umgang mit den Kindern, denn sie nimmt zwischenzeitlich einen Job als Kindermädchen an, der ihr auch wirklich gut tut. Abgesehen davon, dass der älteste Junge Oskar, der trotzdem erst fünf Jahre alt ist, sich fast schon wie ein Erwachsener verhält, waren diese Szenen wirklich toll. Dass Oskar sich so gar nicht kindlich verhalten hat, kann ich aber auch akzeptieren, es gibt ja solche Kinder. Mir hat da aber die weitergehende Geschichte gefehlt, denn meiner Ansicht nach wurde hier angedeutet, dass in dieser Familie auch einiges im Argen lag, hier hatte ich tatsächlich mehr erwartet. Auch habe ich nicht verstanden, warum Martha mittendrin auf einmal so einen richtigen Durchhänger bekommen konnte, obwohl sie sich mit den Kindern doch zunächst sehr wohl gefühlt hatte, auch schon nachdem Tom sich nicht mehr bei ihr meldete. Das kam mir alles zu wenig glaubhaft vor.

Generell fehlte mir hier die Essenz. Immer wenn ich dachte, es ginge um irgendetwas, wurde dies durch irgendwelche merkwürdigen und unpassenden Äußerungen oder Handlungen wieder ad absurdum geführt. Das fand ich schade, denn Ansätze waren so viele vorhanden. Es war nicht nur so, dass Martha sie nicht erkannte, sondern auch ich als Leser konnte sie nie wirklich greifen, weil immer etwas anderes dazwischen kam.

Die Geschichte setzt später wieder in Belgrad ein und erzählt weiter von Martha und dass sie eigentlich gar nicht weiß, was überhaupt los ist und was sie überhaupt will. Das fand ich zu diesem Zeitpunkt bereits ein wenig grotesk und langatmig, weil ich es keinesfalls mehr nachvollziehen konnte. Das Ende hat mich dann so richtig abgenervt, denn bei mir kam eine Aussage wie „das Leben ist halt nur mit einem neuen Mann lebenswert“ an, was ich doch recht grenzwertig und nicht mehr zeitgemäß finde.

Fazit

Mit Überall bist du konnte mich Gerhild Stoltenberg leider nicht begeistern. Das Buch begann auf den ersten Seiten gut und mitreißend, aber schnell ging mein Verständnis zu Neige und ich kam nicht mehr mit, konnte das alles nicht mehr nachvollziehen oder gar akzeptieren, mir fehlte die Essenz. Obwohl so viel Potential vorhanden war, wurde hier nichts ausgeschöpft. Vom Ende war ich dann noch richtig enttäuscht. Wenn Liebe so funktionieren würde, dann mag ich darauf lieber verzichten.

Meine Wertung

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