Themenbeitrag zu “Der Zorn des Lammes”

derzorndeslammesGestern habe ich euch ja bereits Johannes Groschupfs neuen Roman “Der Zorn des Lammes” vorgestellt. Dabei habe ich ja auch berichtet, dass dieses Buch wirklich viel Stoff zum drüber nachdenken mit sich bringt. Ein paar Schlagworte will ich hier mal aufführen und meine Gedanken dazu niederschreiben. Wenn ihr mitmachen wollt, dann bitte gerne! Einfach in die Kommentare 🙂

Aber VORSICHT! Es könnte einige Spoiler zum Buch geben!


Kindheitstrauma

Wenn in der Kindheit irgendetwas vorgefallen ist, was man nicht richtig verarbeiten konnte, dann passiert es häufig, dass einen die Probleme bis ins Erwachsenenalter begleiten. Dies zeigt sich oftmals in Form von Depressionen und Angstzuständen, Psychosen, aber auch in Form von erhöhter Gewaltbereitschaft. Auch mit Stresssituationen können Betroffene meist nicht gut umgehen. Oftmals ist es einem selbst gar nicht so wirklich bewusst, dass man mit einem Ereignis aus der Kindheit nicht abgeschlossen hat.
Wichtig ist also, dass schlimme Kindheitstraumata so früh wie möglich behandelt werden.

Psychose

Milan, der Protagonist des Buches leidet an einer schweren Psychose, die sich vor allem durch Realitätsverlust auszeichnet. Milan lebt quasi in seiner eigenen Welt, in der es nur seine eigene Wahrheit und Wahrnehmung gibt. Seine Umwelt und deren Bedürfnisse nimmt er gar nicht richtig wahr.
Was die Ursachen einer Psychose sind, ist bislang noch unbekannt, zumindest wenn es sich um nichtorganische Psychosen handelt. Wissenschaftler vermuten, dass sich die Veranlagung für eine solche Psychose bereits sehr früh, nämlich noch im Mutterleib, entwickeln kann. Das sind bislang allerdings Theorien. Belegt ist jedoch, dass es auch genetische Ursachen haben kann und die Wahrscheinlichkeit einer Psychose höher ist, wenn es bereits Fälle in der Familie gibt oder gab.
Eine Behandlung erfolgt oftmals medikamentös durch sogenannte Neuroleptika, wie z.B. das Haldol, das beim Protagonisten Milan eingesetzt wurde. Wissenschaftler sind mittlerweile der Ansicht, dass auch eine Psychotherapie, soziotherapeutische und ergotherapeutische Maßnahmen helfen können.

Missbrauch

Unsere Protagonistin Jazz wird in diesem Buch Opfer eines sexuellen Missbrauchs. Dass sich nach einer solchen Tat ebenfalls schwere psychische Probleme auftun können, ist den meisten klar. Diese Probleme können mitunter das gesamte Leben eines Menschen zerstören, wenn er fortan durch Angstzustände geplant wird, durch Depressionen und Schuldgefühle, wenn die eigene Sexualität gestört ist oder der Betroffene gar an Selbstmord denkt und nicht selten auch versucht. 
Außerdem gibt es auch noch die physischen Folgen, die auftreten können, z.B. durch die Gewalteinwirkung. Das können z.B. Blutungen und Hämatome sein oder noch schlimmere Verletzungen, aber auch Geschlechtskrankheiten und ungewollte Schwangerschaften.
Auch auf das soziale Umfeld haben solche Taten dann durch die eigenen Probleme oftmals schwerwiegenden Einfluss, wenn die Beziehung gar zerbricht oder man durch Angstzustände nicht mehr in der Lage ist zu arbeiten.
Auch werden durch die Schuldgefühle die Taten oftmals gar nicht angezeigt. Die Vergewaltigung hat weltweit eine der niedrigsten Verurteilungsraten von allen möglichen Verbrechen, was daran liegt, dass die Betroffenen immer die Hauptlast in einem solchen Verfahren zu tragen haben und diese Verantwortung oftmals einfach nicht tragen können.

Stalking

Stalking wird hierzulande unter dem Straftatbestand der Nachstellung verfolgt, das allerdings erst seit 2007. Davor war das Stalking in Deutschland keine Straftat und konnte nicht verfolgt werden.
Unter Stalking versteht man übrigens, wenn jemand willent- und wissentlich verfolgt wird, dessen körperliche und geistige Unversehrtheit dadurch in Mitleidenschaft gezogen kann. Das kann sich durch einfache Verfolgung bemerkbar machen, durch Telefonanrufe. Täter schicken den Opfern nicht selten auch Geschenke, die diese eigentlich gar nicht wollen oder wenden sich an Freunde und Familie des Opfers um näher an sie heran zu kommen.
Im Buch ist Milan ein Täter, der sein Opfer verfolgt und sich schließlich sogar im gleichen Betrieb bewirbt wie sein Opfer.


Wie ihr seht, werden in diesem Buch schon einige sehr schwierige und schwer verdauliche Themen angesprochen. Das sind die Themen, über die ich mir persönlich die meisten Gedanken gemacht habe. Weitere Stichworte könnt ihr unten noch ersehen, wenn euch dazu noch etwas einfällt, dann schreibt mir doch ruhig in den Kommentaren eure Gedanken dazu!

Schuld

Gewalt

Selbstjustiz

Angst

Berlin

Liebe


Liebe Grüße,

Nicole

Der Zorn des Lammes – Johannes Groschupf

derzorndeslammes

Oetinger Verlag
Broschierte Ausgabe
ca. 190 Seiten
12,99 Euro
April 2014
ISBN: 978-3841502827
Bestellen bei Amazon.de

Inhalt

(lt. amazon.de):

Jazz und Milan. Zwei junge Menschen in Berlin. Zwei Geschichten. Zwei Perspektiven. Die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Jazz kennt Milan, den etwas seltsamen Tellerwäscher aus der Kantine des Tagesspiegel, nur ganz flüchtig. Doch für Milan ist Jazz alles. »In jeder Nacht sitze ich hier und schreibe an sie. An sie, deren Namen ich nicht einmal kenne. Du bist schön wie der Mond.« Milan ist besessen von Jazz und schleicht sich nach und nach in ihr Leben …

 

Gewähltes Zitat

»Und als das Lamm das siebente Siegel auftat, entstand eine Stille im Himmel, etwa eine halbe Stunde lang.
Verberget uns vor dem Zorn des Lammes! Denn es ist gekommen der große Tag seines Zorns, und wer kann bestehen?«

Das Lamm wird immer unterschätzt. Niemand hält es für möglich, dass es einmal zornig werden könnte. Aber wie mag er aussehen, der große Tag seines Zorns?
(S. 150)

Meine Meinung

Jazz, eigentlich Jasmin, löst sich nach einer recht traumatischen Kindheit, in dem sie ihren Bruder verlor, endlich von ihren klammernden Eltern und zieht alleine nach Berlin. Einen Job findet sie schnell, wirklichen Anschluss eher weniger.
Milan bricht aus der Anstalt aus, in der er saß und lebt fortan alleine in einem verwitterten Haus. Eines Tages trifft er Jazz, in die er sich verliebt und die er von nun an stalkt. Er geht sogar so weit jemanden umzubringen, nur um dessen Job zu ergattern, denn genau dort arbeitet auch Jazz.
Eines Tages kommen die beiden ins Gespräch und die nichtsahnende Jazz freundet sich mit dem verwirrten Milan an. Das Drama nimmt fortan seinen Lauf …

Johannes Groschupf hat es auf nur 190 Seiten fertig gebracht einen ziemlich eindrucksvollen Roman zu schreiben, was ich für so einen geringen Umfang ziemlich beachtlich finde. Aber mal von vorne.

Optisch, das muss ich leider sagen, spricht mich das Buch gar nicht mal so an. Es ist ziemlich verstörend durch die vielen schwarzen Linien und passt somit recht gut zum Inhalt. Durch den rot geschrieben Titel im schwarzen Balken wird noch ein wenig verdeutlicht, dass es sich um etwas ziemlich erdrückendes handeln könnte, was ja auch so ist.

Die Geschichte spielt in Berlin und die Stadt kommt dabei gar nicht gut weg. Ich war viele Jahre lang jedes Jahr ein paar Wochen in Berlin und habe diese Stadt lieben gelernt und konnte sie in den Beschreibungen leider so gar nicht wieder erkennen, obwohl ich weiß, dass Berlin durchaus auch diese beschriebenen Ecken hat. Gut dargestellt fand ich jedoch die Eigentümlichkeit der Berliner selbst. Das hat absolut gepasst!

Geschrieben ist die Geschichte aus der Sicht von Jazz und Milan, die sich Kapitel für Kapitel abwechseln. Dabei ist recht gut rüber gekommen, wie unterschiedlich die Sichtweisen auf ein und das selbe Geschehen ausfallen können. Nun gut, hinzu kommt noch, dass Milan psychisch krank ist, Jazz aber als gesund gilt, obwohl auch sie einiges mitgemacht hat und psychisch leicht angeschlagen ist. Diese unterschiedlichen Sichtweisen fand ich allerdings sehr ansprechend und gerade bei den recht pikanten Szenen auch sehr gut gelungen.

Die Protagonisten, also Jazz und Milan, wurden hauptsächlich durch ihr Handeln und ihre Denkweisen charakterisiert und entsprechend dargestellt.
Milan, der – wie ich bereits erwähnte – psychisch krank ist, konnte mich eigentlich recht gut überzeugen, obwohl ich mich natürlich überhaupt nicht in ihn rein denken konnte. Hier fehlte mir doch ein wenig der Bezug zu seinen Motiven um mir wenigstens irgendwie erklären zu können, wie Milan selbst auf solch abstruse Gedanken kommt, wie er sie selbst hatte, auch wenn es natürlich schwer ist, wenn nicht gar unmöglich, einem psychisch kranken Menschen folgen zu können. Trotzdem hätte ich es ansatzweise gerne versucht.
Jazz ist psychisch auch nicht ganz auf der Höhe, kommt aber mit ihrer Umwelt und der Realität doch gut klar, weswegen sie als psychisch gesund gelten würde. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, an dem das mit Milan passiert und sie erneut in eine beängstigende Situation gerät, in der sie mehr als nur die Kontrolle verliert. Auch wenn ich irgendwie schon verstehen kann, wieso Jazz handelt wie sie schließlich handelt, weiß ich nicht wirklich, ob ihr Verhalten noch als normal einzustufen wäre. Wobei ich zumindest zum Ende des Buches schon den Eindruck hatte, dass sie mehr als nur die Ereignisse mit Milan überwunden hätte.

Ein wenig biblischen Bezug gibt es ebenfalls, obwohl mir hier total die Grundlage dafür fehlte, denn ich hatte eigentlich nicht den Eindruck, als wäre Milan oder auch Jazz besonders religiös.

Nach dem Lesen stehe ich jetzt hier und überlege, wie ich dieses Buch denn nun finde. Es hat sich auf jeden Fall gut lesen lassen, manche Szenen waren auch recht eindrücklich beschrieben. Dennoch ist es kein Buch, was mir wirklich unter die Haut ging, trotz des wirklich schwierigen Themas, dafür fehlte mir die emotionale Bindung komplett.
Außerdem fand ich alles zusammen auch ein wenig zu viel und vielleicht auch ein wenig zu gewollt. Hier kam ja nun wirklich alles zusammen. Weniger wäre an der einen oder anderen Stelle vielleicht doch etwas mehr gewesen. So konnte ich mich gar nicht auf einen Punkt konzentrieren, sondern ließ meine Gedanken wild um alles mögliche herumschwirren.

Fazit

Generell ist „Der Zorn des Lammes“ ein Buch, über das man sich viele Gedanken machen kann. Es bietet so viel Potential, dass man gar nicht weiß, worauf man sich nun beschränken sollte oder könnte. Es war eindrücklich, aber nicht emotional fesselnd.
Insgesamt hätte ich mir die Umsetzung ein wenig anders gewünscht und muss auch leider sagen, dass es kein Buch sein wird, dass bei mir noch lange nachwirkt. Trotz allem ist es ein beeindruckendes Werk, dass mich jedoch nicht gänzlich überzeugen konnte. Von mir gibt es vier gute Sterne!

Meine Wertung:

RegenbogenRegenbogenRegenbogenRegenbogen

Es wird keine Helden geben – Anna Seidl

eswirdkeineheldengeben

Oetinger Verlag
Gebundene Ausgabe
ca. 256 Seiten
14,95 Euro
Januar 2014
ISBN: 978-3789147463
Bestellen bei Amazon.de

Inhalt (lt. amazon.de):
Berührend, fesselnd, unfassbar: Wenn nichts mehr ist, wie es war. Kurz, nachdem es zur Pause geläutet hat, hört Miriam einen Schuss. Zunächst versteht niemand, was eigentlich passiert ist, aber dann herrschen Chaos und nackte Angst. Matias, ein Schüler aus ihrer Parallelklasse, schießt um sich. Auch Miriams Freund Tobi wird tödlich getroffen. Miriam überlebt – aber sie fragt sich, ob das Leben ohne Tobi und mit den ständig wiederkehrenden Albträumen überhaupt noch einen Sinn hat. Waren sie und ihre Mitschüler Schuld an der Katastrophe? Das großartige Debüt von Anna Seidl, die erst 16 Jahre alt war, als sie diese aufwühlende Geschichte geschrieben hat: eine intensive Auseinandersetzung mit den Folgen eines Amoklaufs für die Überlebenden, mit Schuld und Trauer, schonungslos erzählt.

Zitat:
Manchmal müssen wir einsehen, dass wir nicht perfekt sind. Dass nicht immer alles perfekt laufen kann. Und vielleicht ist das okay. Vielleicht müssen wir nicht immer perfekt funktionieren wie Maschinen, um das perfekte Leben führen zu können. Vielleicht sind es ja genau diese kleinen Fehler, die das Leben lebenswert machen.   
(S. 200)

Kommentar:
Als der Schuss ertönt, wissen die Schüler gar nicht wie ihnen geschieht. Auch Miriam versteht zunächst nicht, dass es sich um einen Amoklauf an ihrer eigenen Schule handelt, aber so ist es: ein Mitschüler schießt um sich. Er erwischt auch Miriams Freund und sie kann nicht helfen. Hilft nicht. Denn Miriam hat Angst. So wie alle anderen …

In “Es wird keine Helden geben” geht es um ein sehr ernstes und aktuelles Thema. Es geht um Amokläufe an Schulen. Ein Thema, das für die meisten irgendwie weit weg ist, weil sie noch nie damit in Berührung bekommen sind, außer durch die Medien. Aber was passiert, wenn man schließlich doch mittendrin ist? Wie verhält man sich dann?
Anna Seidl greift diese Thematik in diesem Buch auf und schildert gerade zu Beginn des Buches sehr überzeugend, wie sich die Protagonistin Miriam fühlt, als sie sich schließlich einer solchen Situation gegenüber sieht. Gerade diesen Anfang fand ich besonders stark, denn – wie der Titel schon sagt – geht es hier nicht um Helden und heldenhafte Taten, sondern einfach um Gefühle und Angst, die in solchen Situationen einfach Überhand nehmen müssen. Hier konnte mich Anna Seidl voll überzeugen und mitreißen, von diesem Einstieg war ich wirklich gleichermaßen gefesselt wie berührt.

Zugegeben hat diese Faszination im Laufe der Geschichte ein wenig nachgelassen. Stark fand ich zwischendrin immer wieder die Gedanken, die Miriam sich über das Leben macht und teils auch ihre Versuche, wieder ins Leben zurück zu finden. Allerdings war es mir an einigen Stellen dann doch etwas übertrieben, vor allem in Hinblick darauf,  dass es in weiteren Szenen dann wieder zu locker und leicht rüber kam.
Interessant fand ich innerhalb der Geschichte auch, die unterschiedlichen Ansätze, wie Miriam und ihre Mitschüler wieder versucht haben in den Alltag zurück zu finden und wie es ihnen gelungen ist oder auch nicht. Hier gab es ebenfalls einige erschütternde Momente, die ebenfalls sehr zum Nachdenken anregen konnten.
Insgesamt fand ich die Geschichte also recht gut, allerdings mit einigen Schwächen im zur Mitte und zum Ende hin.

Den Schreibstil der jungen Autorin fand ich überraschend gut. Anna Seidl schreibt gut auf den Punkt gebracht, schnörkel- aber trotzdem auch lückenlos.
Mir hat dieses Debüt wirklich sehr gut gefallen und auch mit den kleineren Schwächen hat es gerade wegen der Thematik und des mitreißenden Einstiegs viel Potential zu DER Lektüre zum Thema überhaupt zu werden!

 

Meine Wertung:
RegenbogenRegenbogenRegenbogenRegenbogen


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Am Donnerstag wird es im Rahmen der großen Blogger-Aktion hier bei mir einen kleinen Beitrag geben, in dem ich mir ein paar Gedanken über den Titel “Es wird keine Helden geben” mache und dazu auch die Autorin befragen durfte. Am Freitag startet dann das Gewinnspiel dazu! Reinsehen lohnt sich also!

Und wer bis dahin nicht warten möchte, der sollte sich bei LovelyBooks.de für die Leserunde bewerben! *Klick*
Viel Erfolg!